„Kannerland“ feierte 90. Jubiläum

1921 – drei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges – gründeten die Schwestern der heiligen Elisabeth im hauptstädtischen Viertel Limpertsberg das „Kannerland“. Während dieser schwierigen Zeit und auch später noch wurden vorrangig Waisenkinder aufgenommen. Das „Kannerland“ war damals und bis 1988 Heim und Schule.

Bis ins Jahr 1985 wurden die Kinder ausschließlich von Ordensschwestern betreut. Außergewöhnlich war, dass Jungen und Mädchen – wenn auch auf getrennten Stockwerken – unter einem Dach wohnten. Dadurch war es möglich, dass Geschwister nicht getrennt werden mussten.

Die Zeiten haben sich inzwischen geändert, die Betreuungsstrukturen sind vielfältiger geworden. Die „elisabeth“-Werke bieten heute ein ganzes Netzwerk sozialer Einrichtungen. Dass die Strukturen offener geworden sind, wird dadurch deutlich, dass die schweren Stahltore des „Kannerland“ in der Victor-Hugo-Straße auf Limpertsberg offen stehen und die Heimkinder nicht mehr abgeschirmt betreut werden. „Es steht diesen Kindern nicht auf der Stirn geschrieben, dass sie ihre Kindheit und Jugend im Heim verbringen mussten“, sagt Direktor Michel Krier.

Die meisten der Kinder und Jugendlichen, die ins „Kannerland“ kommen, sind auf Anordnung des Jugendrichters dort, weil es ihre Familien aus den unterschiedlichsten Gründen nicht geschafft haben, für eine ordnungsgemäße Erziehung zu sorgen. Der restliche Teil (etwa ein Fünftel) der Kinder ist „freiwillig“ im Heim. Freiwillig, weil ihre Eltern eingesehen haben (oft nach intensiver Beratung), dass sie mit der Erziehung der Kinder überfordert sind.

Ein sicheres Zuhause für traumatisierte Kinder

24 Kinder und Jugendliche wohnen rund um die Uhr außerhalb ihrer Herkunftsfamilie im „Kannerland“, wo sie von einem sozialpädagogischen Team ganzheitlich betreut werden. Je nach den Bedürfnissen der Kinder werden interne oder externe Fachdienste aus dem medizinischen, psychologischen und sozialpädagogischen Bereich hinzugezogen. Die Kinder sind meist von traumatischen Erlebnissen wie Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch gezeichnet, die es gilt, aufzuarbeiten. Sie sollen im Heim, wo vor allem der Anfang sehr schwierig ist, einem geregelten Leben nachgehen, das mit einem gemeinsamen Frühstück beginnt, ehe sie dann eine der Schulen auf Limpertsberg besuchen.

Ein guter Schulabschluss ist wichtig für die Zukunft

„Es ist wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen einen möglichst hohen Schulabschluss erlangen, der ihnen den Einstieg in ein selbstbestimmtes Leben sehr erleichtert“, so Krier weiter. „Uns ist auch der Kontakt zu den Eltern wichtig, ebenso zu den ehemaligen Heimbewohnern“. Besuch von Eltern, Verwandten und aus dem Freundeskreis der Kinder sind ausdrücklich erwünscht.

Zum Anlass des 90. Geburtstages des „Kannerland“ waren Ehemalige eingeladen worden, um von ihren Erfahrungen – positiven oder negativen – zu berichten. „Es ist wichtig, dass wir uns hinterfragen. Wir möchten das Beste für die Kinder, auch wenn es uns nicht immer gelingt“, gibt sich Krier selbstkritisch. Forschung ist wichtig. Ebenso Vertrauen. Die Jugendlichen, die ab vier Jahren und bis zum Alter von 18 Jahren im Heim bleiben können, werden später in Wohnstrukturen bis zum Alter von 27 Jahren betreut. „Viele haben ihre Wurzeln bei uns, es wurde über Jahre eine Vertrauensbasis geschaffen, weshalb wir den Bewohnern auch nach ihrem Aufenthalt bei uns nach Möglichkeit gerne zur Verfügung stehen.“

Abschließend weist Direktor Michel Krier darauf hin, dass seine Institution etwa 20 Prozent der benötigten Gelder über Spenden abdecken muss, wie beispielsweise für das Pilotprojekt der Hausaufgabenhilfe. Dafür wurden zwei Halbtagsposten geschaffen, damit den Kindern vertrautes Personal für die Hausaufgaben zur Verfügung steht – Kosten, die nicht über die Konvention mit dem Familienministerium geregelt werden.(c.g.f.)

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