„Kannerhaus Jean“ feiert sein zehnjähriges Bestehen

Im „Kannerhaus Jean“ werden Familien in schwierigen Lebenssituationen betreut. Kritische Lebensereignisse wie Scheidung, Tod oder etwa Gewalt in einer Familie, psychische Probleme der Eltern, Erziehungsmängel, aber auch viele andere Umweltfaktoren können bei Kindern zu psychischen Leiden führen, die dann in Verhaltensauffälligkeiten zum Ausdruck kommen. Seit zehn Jahren bietet das Therapiezentrum eine ambulante Betreuung an. Seit September 2008 funktioniert auch ein semi-stationäres Therapieangebot.

„Wir versuchen in unserer Arbeit ganz klar, die Stärken der einzelnen Mitglieder einer Familie zu fördern“, sagt Sylvie Braquet, Psychologin und Direktionsbeauftragte des „Kannerhaus Jean“, einem Dienst des Luxemburger Roten-Kreuzes in Zusammenarbeit mit der Stiftung „Jean Hamilius Junior“. In der humanistischen Herangehensweise des Zentrums werden Körper, Geist und Seele des Menschen sowie sein soziales Umfeld berücksichtigt. „Angefangen haben wir mit der tiergestützten Therapie, immer mit der Grundidee einer starken und systematischen Einbeziehung der Familie und des sozialen Umfelds des Kindes, besonders natürlich der Schule“, erklärt Sylvie Braquet. Oft ist es das Lehrpersonal, das auf verhaltensauffällige Kinder aufmerksam wird und die Eltern auf die Notwendigkeit einer Therapie hinweist. Auf ein erstes Gespräch mit einem Mitarbeiter des „Kannerhaus Jean“ folgt eine Beobachtungsphase, in der versucht wird, die Gründe für die psychischen Probleme des Kindes zu finden. Die Probleme und Stärken der Familie werden erkundet, mit dem Lehrpersonal und den eventuell bereits in der Familie intervenierten Personen wird geredet. Daraufhin wird ein individuelles Therapieangebot gemacht. „Wir setzen da an, wo wir die Gründe vermuten, auf den drei Ebenen Kind, Familie und Schule. Man kann dem Kind nicht alleine die Verantwortung für die Veränderung einer Situation geben. Jeder in der Familie muss seinen Teil der Verantwortung übernehmen“, gibt die Direktionsbeauftragte des Therapiezentrums zu verstehen.

Im ambulanten Bereich bietet das multidisziplinäre Team des Zentrums, bestehend aus Psychologen, Sozialpädagogen, Lehrern, einer Ergotherapeutin, einer Heilpädagogin und Erzieher, neben kurzzeitigen Interventionen auch langfristige Begleitungen an. Die Kinder und ihre Eltern kommen im Durchschnitt einmal pro Woche zur Therapie. Gearbeitet wird u. a. mit der tiergestützten Therapie (mit Pferden, Hunden und Kleintieren), der Spiel-, Einzel-, Paar- und Familientherapie. Erziehungsberatung, Elterntraining und Verhaltensbeobachtung in der Schule sind ebenfalls möglich, des Weiteren eine Mediation zwischen Eltern und Schule sowie Supervisionsgruppen für Lehrer.

Fälle, die die Möglichkeiten ambulanter Therapien übersteigen, werden im semi-stationären, sprich dem Tagesbereich behandelt. In den ersten drei bis vier Monaten, der intensiven Phase, sind die Kinder an vier Tagen in der Woche tagsüber von 9 bis 16 Uhr im Therapiezentrum. Den so genannten Integrationstag verbringen sie weiterhin in ihrer Grundschule, damit sie dort ihre Kontakte nicht verlieren. In dieser Phase spielt die Arbeit mit den Tieren eine wichtige Rolle. „Die Kinder haben oft das Vertrauen in die Erwachsenen verloren und bieten aus diesem Grund auch dem Therapeuten schwer Zugang zu sich selbst. In diesen Situationen helfen die Tiere dem Therapeuten, eine Beziehung zu dem Kind aufzubauen. Darüber hinaus erlauben Pferde den Kindern, aber auch des Öfteren den Eltern, die äußerst tiefgreifende Erfahrung des Getragenwerdens zu machen. Dabei kommen oft verschüttete Gefühle wieder hoch, mit denen wir dann arbeiten können“, so Sylvie Braquet. Weitere Medien spielen des Weiteren eine wichtige Rolle, u. a. das therapeutische Puppenspiel und die Kunsttherapie. Erlebnispädagogische und psychomotorische Angebote bieten dem Kind Möglichkeiten, sein inneres Erleben auszudrücken und neue Wege für sich selbst zu finden.

Der schulische Unterricht wird in dieser Zeit von spezialisierten Lehrern angeboten. Mit einem positiven Verlauf der semi-stationären Therapie nimmt späterhin auch die Zahl der Integrationstage zu – eine schrittweise Wiedereingliederung in den normalen Schulbetrieb. Auf diese intensive Phase folgt eine zeitlich unbegrenzte Nachsorge. Diese langfristige Unterstützung richtet sich sowohl an die Familien als auch an die Lehrer der betroffenen Kinder.

„Momentan betreuen wir im Tagesbereich in der intensiven Phase sechs Kinder und ihre Familien, in der Nachsorge zehn weitere. Das Haus, das die Stiftung „Jean Hamilius Junior“ uns hier für eine Übergangszeit gebaut hat, ist mittlerweile zu klein geworden. Geplant ist in den nächsten drei Jahren eine größere Struktur hier in Berg zu bauen, die uns mehr Platz für den semi-stationären Bereich und auch die Möglichkeit einer stationären Therapie bieten würde“, sagt Sylvie Braquet.(VON MIREILLE MEYER-FOTO:KANNERHAUS)