Wiedereröffnung der KZ-Gedenkstätte „Unter den Eichen“ in Wiesbaden
Luxemburg. Um ein weniger bekanntes Geschichtskapitel des Zweiten Weltkrieges mit direktem Bezug auf Luxemburg ging es bei einer Gedenkzeremonie in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Gelände „Unter den Eichen“ für Propaganda-Veranstaltungen genutzt. 1943 errichtete die SS an derselben Stelle für sich eine Ausweich-Dienststelle zum Schutz vor Luftangriffen ein, indem sie von Insassen des Wiesbadener Polizeigefängnisses Baracken herrichten liess und zusätzlich Häftlinge aus dem SS-Sonderlager/KZ Hinzert anforderte, um einen Bunker und weitere Gebäude zu bauen. Am 20. März 1944 erreichten die ersten 57 Häftlinge aus dem KZ Hinzert das Aussenlager „Unter den Eichen“. Es handelte sich um Luxemburger Widerstandskämpfer, die im besetzten Grossherzogtum beispielsweise Wehrdienstverweigerer versteckt oder zwangsumgesiedelten Familien geholfen hatten. Zeitweise wurden bis zu 100 Häftlinge -die allermeisten von ihnen waren Luxemburger- im Wiesbadener Aussenlager bis zu zwölf Stunden am Tag als Zwangsarbeiter eingesetzt.
Am 18. Dezember 1944 kam es bei verheerenden Luftangriffen der Alliierten auf das Gelände „Unter den Eichen“ zu dramatischen Szenen, als SS- und Polizeibeamte, die selbst dort Schutz suchten, unter Androhung von Waffengewalt den Häftlingen den Zutritt zum Bunker verweigerten. Folgende sechs Luxemburger starben bei dieser ebenso rabiaten wie schicksalhaften Aktion: Prosper Schmitz aus Hagen, Nic Oswald aus Steinfort, Albert Roilgen aus Heiderscheidergrund, Joseph Mayer aus Hoscheid, Nicolas Lanners aus Hoscheid und Alphonse Weber aus Schifflingen.
Und eben diese sechs Opfer aus Luxemburg standen im Mittelpunkt der Wiedereröffnung der neuen Dauerausstellung im Bunker von Wiesbaden. Deren grossformatige Porträts an der Aussenwand ziehen übrigens die Blicke der Passanten auf sich.
Nach der Begrüssungsanprache von Dr. Peter Quadflieg, Direktor des Stadtarchivs Wiesbaden, das zwischen 2021 und 2025 die 1991 erstmals geöffneteder und den Opfern des Nationalsozialismus gewidmete Gedenkstätte „Unter den Eichen“ konzipierte, ging die aus Berlin angereiste Botschafterin Sylvie Lucas auf die Kriegsleiden der 76 Häftlinge aus Luxemburg eIn. Dennoch habe es in diesem Aussenlager von Hinzert auch einen Rest von Menschlichkeit gegeben, wie luxemburgische Überlebende berichteten. Für Luxemburg seien das KZ Hinzert und dessen Aussenstelle in Wiesbaden nicht nur historische Orte, sondern Orte persönlicher nationaler Erinnerung. Der Umgang mit diesem historischen Erbe betreffe uns alle und müsse in die Gegenwart übersetzt werden. Bei der Entwicklung neuer Formen der Erinnerung dürfe allerdings der Kern nicht verloren gehen, nämlich die Achtung vor den Opfern und die Wahrheit über das Geschehen.
Im Anschluss an ein Grusswort von Nicolas Bergeret, französischer Generalkonsul in Frankfurt am Main, blendete Stadtkämmerer Dr. Hendrik Schmehl, Dezernent für Finanzen, Schule und Kultur, auf die Entstehungsgeschichte der 1993 eröffneten Gedenkstätte „Unter den Eichen“ zurück. Dem vorausgegangen sei ein jahrzehntelanger Prozess der Verdrängung und des Schweigens im Hinblick auf die Verbrechen, die seit 1933 auch in Wiesbaden von den Nationalsozialisten verübt worden waren. Dabei seien es Überlebende des Konzentrationslagers von Wiesbaden – unter ihnen der aus Ermsdorf stammende Luxemburger Robert Poeker - gewesen, die aktiv die Einrichtung einer Gedenkstätte mit Ausstellung vorangetrieben haben.
Beschlossen wurde die Gedenkveranstaltung für Opfer der Verbrechen des NS-Gewaltregimes mit einem Empfang in der Hochschule RheinMain, bei dem Kanzlerin Dr. Tina Klug auf die Notwendigkeit der Lehren einging, die besonders in der gegenwärtigen Zeit, wo es vermehrt wieder ähnliche negative Anzeichen gibt, aus den Verbrechen des NS-Regimes zu ziehen sind.
Aus Luxemburg nahm eine Delegation der « Fédération des Enrôlés de Force, Victimes du Nazisme » unter der Leitung von Präsident Joseph Lorent an der Gedenkfeier in Wiesbaden teil.