Kritische Bemerkungen zur Lebensqualität

In einer teilweise kontroversen Aussprache sah sich der hauptstädtische Schöffenrat bei etwa hundert Zuhörern aus den Stadtvierteln Clausen, Grund, Neudorf und Pfaffenthal am 1. Februar im Kulturzentrum im Neudorf vielfältigen kritischen Fragen zur Lebensqualität in den Stadtvierteln und lokalspezifischen Sorgen ausgesetzt.

Dazu gehörten missbilligende Überlegungen zu den „Rives de Clausen“ und den seit Jahren schleppenden Kanalisationsarbeiten in der vielbefahrenen Durchgangsstraße im Neudorf. Finanztechnische, wirtschaftliche oder schulisch-pädagogische Aussagen wurden nicht hinterfragt.

Zunächst aber zogen Bürgermeister Paul Helminger und seine Schöffen Viviane Loschetter, Simone Beissel, Xavier Bettel und François Bausch, vor dem neuen „Multiplicity“-Banner sitzend, eine optimistische Bilanz der seit 2005 geleisteten Schöffenratsarbeit und präsentierten Luxemburg als eine dynamische Stadt der Pluralität mit ihren 94 000 Einwohnern, wovon mehr als 60 Prozent keinen Luxemburger Pass besitzen.

Dabei wurden im Schnellgang zahlreiche gesellschaftspolitische und ökonomische Gesichtspunkte, urbane Strategien und politische Aspekte mit Blick auf die zukünftigen Stadtentwicklungsprozesse angeschnitten.

So sagte sich der erste Fragesteller aus dem Saal denn auch recht beeindruckt von den „wunderbaren Worten zu einer wunderbaren Stadt“, wobei der junge Mann sich die Bemerkung nicht verkneifen konnte, wieso man den großen Erfolg der sanften Mobilität ausgerechnet in den Stadtvierteln hervorhebe, bei denen bedauerlicherweise die Aktion „Vel‘oh“ nicht existiere.
Verkehrsschöffe François Bausch versprach die fahrradfreundliche Fortbewegung für 2012, einhergehend mit der Fertigstellung des Pfaffenthaler Liftes, was einen einfacheren Anstieg in die Oberstadt ermögliche. In dem Kontext wurde auch die geplante Fahrradbrücke über das Neudorf‚ knapp am Kirchturm vorbei, als überflüssige Landschaftszerstörung abgetan.
Die ehemalige Brauerei im Neudorf soll in ihrer Bausubstanz erhalten bleiben, dabei wird in den Innenhöfen ein Dorfzentrum mit kleinen Geschäften entstehen.

Zu den „Rives de Clausen“ äußerte sich eine junge Einwohnerin, die sich verärgert zeigte über die von den zahlreichen Besuchern und Spätheimkehrern immer wieder verursachten Unannehmlichkeiten für die Anrainer sowie den hinterlassenen Müll in den umliegenden Straßen. Auch erinnerte sie den Schöffenrat an das vor Monaten gegebene Versprechen bezüglich einer frühmorgendlichen Putzkolonne – eine Aussage, die Beifall erntete.
Bürgermeister Paul Helminger gedenkt mit einer erneuten Sensibilisierungskampagne in Zusammenarbeit mit den lokalen Geschäftsleuten die Besucher zu mehr Disziplin und Respekt einzuladen.

Wenig Verständnis wurde den Erklärungen des Schöffenrates zu den schleppenden Infrastrukturarbeiten in der Neudorfer Straße entgegengebracht. Ziemlich erbost sagte ein Einwohner, dessen Kellerräume bei jedem Unwetter überflutet werden, dass Experten schon vor 20 Jahren das zu enge Kanalrohr bemängelt hatten. Paul Helminger beschrieb die unterirdischen Bohrungen als eine unglückliche Entscheidung, die dann durch zeitaufwändige administrative Bestimmungen und juristische Schwierigkeiten zu einer jahrelangen Belästigung der Einwohner wurde. Nach neuestem Stand sollen die Bauarbeiten im Frühjahr neu aufgenommen werden und möglichst schnell einem Ende zugeführt werden, betonte der Bürgermeister. Ein genaues Datum nannte er nicht.

(Text: c.k., Foto: CC)