Wenn Niederkorn den 1. Mai feiert

Wenn Niederkorn den 1. Mai feiert

Gelebte Tradition zwischen Frühling, Erinnerung und Gemeinschaft

Niederkorn. Der 1. Mai ist hier weit mehr als nur ein gesetzlicher Feiertag. Er verbindet das Gedenken an die Errungenschaften der Arbeiterbewegung mit der Freude über den Frühling und das gelebte Miteinander im Dorf. Kurz nach Tagesanbruch füllt sich das Plateau „am Mähen” mit Leben. Seit Jahrzehnten treffen sich dort die Mitglieder des Turnvereins „La Liberté” und weiterer Ortsvereine, um gemeinsam die traditionellen Maikränze zu binden. Mit geübten Handgriffen werden frische Buchen- und Weidenzweige zurechtgeschnitten, geflochten und zu runden Kränzen geformt. Diese Prachtexemplare stehen für Aufbruch, Hoffnung und Zusammenhalt.

Nach getaner Arbeit folgt ein geselliges Beisammensein. Man sitzt zusammen, lacht und stößt mit kühlen Getränken, Salsiccia und „Hunnegdrëpp” an. Es sind nicht die großen Gesten, sondern die vertrauten Rituale, die verbinden. Gerade darin zeigt sich der Kern der Tradition: nicht im starren Bewahren, sondern im gemeinsamen Erleben und Weitergeben von Momenten über Generationen hinweg. Zugleich hat dieser Tag auch eine stille, nachdenkliche Seite. Für Claude Dahm, Ehrenvizepräsident des Turnvereins, ist der 1. Mai untrennbar mit Erinnerung verbunden: „Er steht für Gemeinschaft und für die Menschen, die sie geprägt haben.“ In diesem Jahr gilt der Gedanke besonders Raymond Souvignier. Ein Maikranz an seinem Grab setzt ein stilles Zeichen der Verbundenheit und des Gedenkens an einen Turnkameraden, der Spuren hinterlassen hat.

Gegen 11 Uhr versammelten sich die Teilnehmenden am Stolleneingang „Honsbësch“. Angeführt von der „Fanfare Nidderkuer“ zogen die Gemeindeverantwortlichen und Vereinsmitglieder der „La Liberté“, „Gaart an Heem“, „Guiden a Scouten Saint Barbe“ und der „Wanderfrënn Déifferdeng“, begleitet von der lokalen Polizei, im Umzug Richtung Marktplatz. Dabei wurden die Maikränze sichtbar vorangetragen. In seiner Ansprache dankte Schöffe Jerry Hartung im Beisein der Gemeinderäte Manon Schütz und Claude Olten für die rege Teilnahme und hob die Bedeutung der Tradition hervor. Anschließend wurden die Kränze an den Eingängen der Dorfkneipen und Vereinslokale befestigt. So wurde der 1. Mai in Niederkorn erneut zu einem lebendigen Treffen mit der eigenen Geschichte und setzte ein eindrucksvolles Zeichen für die Kraft von Tradition und Gemeinschaft.

Romain Welter via mywort