Zwei Länder – eine LEADER-Region: Internationale Fachleute zu Gast im Moseltal
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Die Lokalen Aktionsgruppen Miselerland in Luxemburg und Moselfranken in Rheinland-Pfalz arbeiten seit 2006 nicht nur bei einzelnen Projekten zusammen, sondern sie verfolgen eine gemeinsame, grenzüberschreitende Entwicklungsstrategie – als Europas erste und bisher einzige transnationale LEADER-Region. Wie der Geist von Schengen europäische Nachbarn Herausforderungen gemeinsam meisten lässt, das erfuhren rund 50 LEADER-Vertreter*innen aus Deutschland, Österreich, Italien und Luxemburg auf einer dreitägigen Exkursion an der Mosel.
Wie oft der Bus in diesen drei Tagen die Grenze überquerte, hat niemand gezählt. Doch wie selbstverständlich es war, mal eben die Mosel zu überqueren und die Seite zu wechseln, sagt viel über das Leben im Dreiländereck aus. Nicht selten fragten sich die Teilnehmenden: Sind wir gerade noch in Deutschland oder schon in Luxemburg?
Im kleinen, beschaulichen Merzkirchen in der Verbandsgemeinde Saarburg-Kell erhielten die LEADER-Manager*innen bereits am ersten Tag einen Einblick in den Alltag der rund 50.000 Menschen, die täglich aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland nach Luxemburg pendeln. Dieser ist allzu oft geprägt von langen Anfahrtszeiten, Staus durch Baustellen und zuletzt leider wieder vermehrt auch durch Grenzkontrollen. Obwohl in Merzkirchen nur rund 800 Einwohner leben, ist der Ort ein zentraler Verkehrsknotenpunkt für den täglichen Pendlerstrom.
Bahnhof ohne Schienen
Als Ergebnis einer grenzüberschreitenden Studie von LEADER Miselerland & Moselfranken entsteht hier der erste von sieben multimodalen Mobilitätshubs. Bauherrin ist die Verbandsgemeinde. LEADER und das Bundesland Rheinland-Pfalz tragen zu 100% die Gesamtkosten von 1,3 Millionen Euro. Auf 6.000 Quadratmetern ist ein Umsteigepunkt geplant, der die Nutzung von Bus, Rad und öffentlichem Transport miteinander verknüpft. Dadurch soll der Individualverkehr verringert und ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden. Vorgesehen sind 35 Autoparkplätze, abschließbare Fahrradboxen, Ladestationen für elektrische Autos und Fahrräder, sowie technische Vorarbeiten, um später hier auch E-Busse aufzuladen.
Von den windigen Höhen Merzkirchens ging es anschließend an die Saar nach Kanzem. Der vorbildlich restaurierte Weinort erhielt im Jahr 2000 den Europäischen Dorferneuerungspreis und lebt von zahlreichen engagierten Bürgern. Sie betreiben unter anderem ehrenamtlich die Vinothek „Buch & Wein“ – ein Ort, an dem sich Genuss und Literatur verbinden. Hier kann jeder es sich mit einem guten Tropfen zum Schmökern in der modernen, aber behaglichen Probierstube gemütlich machen. Zur Auswahl stehen die Weine von acht verschiedenen Winzern und 1.000 Buchttitel. Im selben Gebäude befindet sich das Bürgerhaus mit einem großzügigen Versammlungsraum, dessen große Fenster den Blick direkt in die Weinberge freigeben. Rund 900.000 Euro an Fördermitteln aus LEADER Moselfranken sind in den Neubau geflossen.
Wenn die Fähre wie von allein fährt
Pünktlich zur Rushhour brachte der Bus die Gruppe nach Oberbillig. Von hier aus soll künftig die Elektrofähre teilautomatisiert nach Wasserbillig verkehren. Bereits 2017 wurde die dieselbetriebene „Sankta Maria“ durch ein elektrisch betriebenes Schiff ersetzt. Doch der Mangel an ausgebildeten Schiffsführer*innen schränkt den Betrieb ein. Eine von LEADER mitfinanzierte Vorstudie prüfte daher, ob sich die Fähre teilweise automatisieren lässt. Auf dieser Grundlage wird derzeit im Rahmen eines INTERREG-Projekts an entsprechenden Lösungen gearbeitet: Sensortechnik, intelligente Steuerungssoftware, angepasste Anlegestellen und ein digitales Kassensystem sollen künftig längere Betriebszeiten trotz Personalmangels erlauben.
Durch die wirtschaftliche Anziehungskraft Luxemburgs und den damit einhergehenden Bevölkerungszuwachs, kämpfen die Luxemburger LEADER-Region mit Schwierigkeiten, die anderen ländlichen Regionen meist fremd sind. Vom Ausbluten des ländlichen Raums ist in Luxemburg und Umgebung kaum die Rede. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen weichen auf die Dörfer aus, weil sie sich das Leben in der Stadt nicht leisten können. Als Konsequenz steigen auch die Immobilienpreise auf dem Land, erschwinglicher Wohnraum wird auch hier immer knapper.
So speziell die Situation vor Ort auch ist – viele Themen ähneln denen anderer LEADER-Regionen in Europa: Die Schonung unserer Ressourcen, Nachhaltigkeit und Umweltschutz stehen überall oben auf der Agenda.
Kulturlandschaft Mosel
Das Naturschutzzentrum Biodiversum bot daher den idealen Rahmen, um den Exkursionsteilnehmenden mehrere LEADER-Projekte vorzustellen, die als Best-Practice-Beispiele auf viele Regionen übertragbar sind. Die grenzenlose Kampagne „Trink!Wasser“ sensibilisiert zum verantwortungsvollen Umgang mit dem heimischen Leitungswasser – in den Schulen, aber auch auf öffentlichen Veranstaltungen. Ein Ausschankwagen kann zudem kostenlos ausgeliehen werden.
Die „Wéngertsbourse“ dient seit Anfang des Jahres als digitale Vermittlungsplattform für Rebflächen. Ein gezieltes Brachflächenmanagement soll die Weinkulturlandschaft schützen und helfen, ihren einzigartigen Charakter zu bewahren. Schließlich lernten die Besucher noch die touristische Lauschtouren-App von Visit Moselle kennen und besichtigten die Ausstellung „Lebenstürme der Artenvielfalt“, konzipiert vom Umweltsyndikat SIAS.
Grenzüberschreitende Genussregion
Am Nachmittag stand die Exkursion ganz unter dem Motto Wein & Tourismus im Moseltal. In der Winery Jeff Konsbrück in Ahn erhielten die LEADER-Fachleute Einblicke in grenzüberschreitende Projekte zur Vermarktung des Dreiländerecks als Genussregion. Initiativen wie „Terroir Moselle“ und „Via mosel‘“ verbinden nicht nur Luxemburg und Deutschland, sondern schlagen auch eine Brücke in das französische Weinbaugebiet.
Der dritte Tag führte die Gruppe dorthin, wo 1985 Geschichte geschrieben wurde, und die Unterschrift von fünf Ministern und Staatssekretären das Dörfchen Schengen auf die Weltkarte brachte. 2025 vollständig neu konzipiert, vermittelt das Schengen Museum auf interaktive, oft spielerische Weise, wie das grenzenlose Europa das Leben von Millionen Menschen verändert hat – und welche Chancen sich für den Kontinent ergeben haben.
Nicht zuletzt das LEADER-Programm profitiert von der Freiheit, sich zwischen den Staaten bewegen und zusammenarbeiten zu können. Ein Beispiel: Von den 60 LEADER-Projekten, die das luxemburgische Ministerium für Landwirtschaft bisher in dieser Förderperiode bewilligt hat, sind neun Projekte transnational.
LEADER als Instrument der ländlichen Entwicklung steht nicht nur für eine Zusammenarbeit mit dem europäischen Nachbarn, sondern geht oft Hand in Hand mit der dem Programm des Landwirtschaftsministeriums zur Dorfentwicklung. Dieses setzt vor allem Infrastrukturprojekte um, während LEADER eher in der Konzept-Phase unterstützt. Die Dorfentwicklung schafft Strukturen, die durch LEADER-Projekte belebt werden können.
Einen Einblick in ihre Arbeitsweise gewährten die Dorfentwickler*innen in der historischen Zehntscheune in Grevenmacher, einem Gebäude von 1635, das die Stadt aufwendig mit Hilfe der Denkmalpflege restauriert hat. Mit finanzieller Unterstützung der Dorfentwicklung wurde der Prachtbau zu einem Jugendzentrum umgestaltet. Im eindrucksvollen Gewölbekeller können außerdem Versammlungen stattfinden.
Als weiteres gelungene Beispiel der Dorfentwicklung steuerte die Gruppe schließlich noch den „Kulturhaff Millermoler“ in Hinkel, in der LEADER-Region Mëllerdall an. Die Dorfentwicklung unterstützt nämlich auch private Projekte, die ein Angebot schaffen, das die Lebensqualität im ländlichen Raum steigert. Der „Kulturhaff“ verkauft regionale Produkte, bietet Räume für Kurse, Veranstaltungen, Kunstaustellungen und Feiern an.
Am Ende der Exkursion steht die Erkenntnis: Grenzen existieren für die Bewohner der Großregion nur noch auf der Landkarte. Die Region ist längst zusammengewachsen – und zeigt, wie Zusammenarbeit funktioniert und der europäische Gedanke nicht zuletzt dank LEADER im Alltag wirkt.
Fotos: LEADER Lëtzebuerg / Pancake ! Photographie