Mit 94 noch immer voller Tatendrang
Frau Marie Di Giammatteo trotzt dem Alter
Differdingen. 94 Jahre alt – und doch eine Erscheinung, die den Begriff des Alters Lügen straft. Was bei anderen wie ein kleines Wunder anmutet, ist bei ihr das stille Resultat eines langen, bewegten Lebens, das von Disziplin, Beharrlichkeit und einer unerschütterlichen Freude an der Bewegung geprägt ist. Selbst nach Herzproblemen und einer 15 Monate währenden, fordernden Rehabilitation, die ihr Herzvolumen wieder stärken sollte, ist sie zurückgekehrt – nicht zaghaft, sondern mit jener Selbstverständlichkeit, die sie seit jeher auszeichnet. Die Mutter zweier Söhne, Johny und Jean-Pierre Reuter, Großmutter von vier Enkeln und Urgroßmutter von acht Urenkeln, steht heute wie kaum eine andere für gelebte Vitalität. Im Turnverein Espérance Differdingen ist sie nicht nur die älteste aktive Teilnehmerin der Freizeitgruppe „Loisirs Mixte“, sondern vermutlich auch eine Ausnahmeerscheinung im nationalen Verband. Und doch würde sie selbst daraus kein Aufheben machen.
Denn Sport war für sie nie eine Ausnahme, sondern stets eine Selbstverständlichkeit. In jungen Jahren tanzte sie mit Leidenschaft, durchstreifte wandernd die Landschaft, schwang sich aufs Fahrrad und besuchte täglich das Schwimmbad. 1972 führte ihr Weg sie in die Welt des Turnens – zunächst zum Avenir Differdingen, später zur Espérance, dem sie bis heute treu geblieben ist. Zweimal pro Woche ist sie in der Halle. „Meine Tasche ist immer gepackt“, sagt sie lächelnd. Für die anderen Turnerinnen und Turner ist sie längst mehr als eine Trainingskameradin: „Sie fehlt eigentlich nie“, heißt es, „sie ist immer da und macht alles mit.“ Ein Satz, der mehr wiegt als jede Statistik. Bei der letzten Generalversammlung wurde sie folgerichtig für die meisten besuchten Trainingsstunden geehrt – eine Auszeichnung, die weniger überrascht als bestätigt. „Einmal Turnerin, immer Turnerin“ – selten trifft ein Satz so präzise zu.
Auch außerhalb der Turnhalle bleibt sie in Bewegung. Ihr Tag beginnt mit einer zehnminütigen Übungsroutine: Erst werden die Nacken- und Armmuskeln trainiert, dann folgen Kniebeugen. „Man muss am Ball bleiben“, sagt sie mit ruhiger Entschlossenheit. Hinzu kommt ein Alltag, der sie fordert und erfüllt: der Haushalt, das Leben, die Familie und die Menschen. Denn das ist vielleicht ihr eigentliches Geheimnis: Bewegung und Gemeinschaft. „Immer unter den Leuten sein“, sagt sie. Und fügt beinahe nachdenklich hinzu: „Alles andere ist ein Segen von oben.“ Frau Marie Di Giammatteo ist mehr als nur ein treues Vereinsmitglied. Sie ist Inspiration und Ansporn zugleich und der lebende Beweis, dass es nie zu spät ist, aktiv zu bleiben und dem Leben auch im hohen Alter noch erstaunlich viel Jugend abzugewinnen.
Romain Welter via mywort