Wenn die Glocken verstummen

Wenn die Glocken verstummen

„Mir gi gären klibberen“ – ein alter Brauch, der Lenningen erfüllt

Lenningen. Wenn in der Karwoche die Kirchenglocken verstummen, beginnt in vielen luxemburgischen Dörfern eine alte, besondere Tradition. Dann ziehen die „Klibberkanner“ wieder mit hölzernen Ratschen, Klappern und Rasseln durch die Straßen und verkünden lautstark: „D’Moiesklack laut!“, „D’Mëttesklack laut!“ oder „D’Owesklack laut!“. Dieser Brauch beginnt am Abend des Gründonnerstags. Beim Gloria der Messe läuten die Glocken ein letztes Mal, danach schweigen sie bis zur Osternacht. In der katholischen Liturgie ist dies ein Zeichen der Trauer und des Gedenkens an das Leiden und Sterben Jesu Christi.

Im Volksmund wird das plötzliche Verstummen der Glocken auf kindgerechte Weise erklärt: Sie fliegen nach Rom. Dort beichten sie beim Papst und holen sich den Ostersegen, bevor sie in der Osternacht zurückkehren, so erzählt man sich. Warum ausgerechnet nach Rom? Die Antwort liegt auf der Hand: Nur der Stellvertreter Gottes kann ihnen den Segen erteilen, damit sie wieder über die Dörfer klingen dürfen. Während die Glocken „unterwegs“ sind, übernehmen die Kinder ihre Aufgabe – dreimal täglich. Bereits im Jahr 1883 beschrieb der luxemburgische Schriftsteller Edmond de la Fontaine diesen Brauch: Kinder zogen mit hölzernen Klappern durch die Ortschaft und verkündeten lautstark die Zeiten des Gottesdienstes.

Für die Kinder ist das „Klibberen” weit mehr als nur eine gelebte Tradition: „Mir gi gäre mat eise Kolleege klibberen“. Es steht für Gemeinschaft und ist ein fester Bestandteil des Dorflebens. Nach den letzten Runden am Karsamstag folgt schließlich der verdiente Lohn: Süßigkeiten, bunt gefärbte Eier oder kleine Geldspenden, die unter allen Teilnehmenden aufgeteilt werden. Doch dieser Brauch ist längst nicht mehr überall selbstverständlich. In manchen Orten fehlt inzwischen der Nachwuchs – dort ist die Tradition bereits verschwunden. Umso bedeutender ist es, dass das „Klibbere goen“ seit 2022 auf der nationalen Liste des immateriellen Kulturerbes Luxemburgs steht. Ein Zeichen der Wertschätzung – und zugleich die Hoffnung, dass dieser besondere Klang der Karwoche auch künftig durch engagierte Kinder und Jugendliche in den Dörfern lebendig gehalten wird. Ich möchte all jenen meinen Dank aussprechen, die sich mit unermüdlichem Engagement dafür eingesetzt haben, den Brauch am Leben zu erhalten.

Romain Welter via mywort